Die Segen eines „Digitalen Tagebuches“ – Ein Stuttgarter Schüler berichtet über seine Erfahrungen

Veröffentlicht am: 18. März 2020

Anfang dieses Schuljahres verkündete unsere Schulleitung, dass wir jetzt ein “Digitales Tagebuch” haben und wir uns eine App auf unser Handy laden sollen. Was zuerst ganz praktisch klang, entpuppte sich jedoch nach kurzer Zeit als ziemlich unangenehm.

Das neue “Digitale Tagebuch” zeigt nämlich nicht nur den Vertretungsplan, sondern ermöglicht den LehrerInnen noch viel mehr. So können sie jetzt die Hausaufgaben in die App eintragen und alle SchülerInnen des Kurses sehen es dann. Jedoch nicht nur SchülerInnen, auch die Schulleitung kann sehen welche LehrerInnen wie viel Hausaufgaben aufgeben und leider ist unsere Schulleitung der Meinung es könne gerne viel mehr sein, da Hausaufgaben angeblich “sehr wichtig für das spätere Leben” wären. LehrerInnen, welche unregelmäßig oder gar keine Hausaufgaben aufgeben, werden von der Schulleitung darauf angesprochen. Sie geben uns deshalb Hausaufgaben auf, sogar wenn sie es selbst als sinnlos ansehen. Doch damit nicht genug: Demnächst sollen die LehrerInnen sogar online sehen können, welcheR SchülerIn wann in der App die Hausaufgabe als “Erledigt” markiert hat. Dadurch sollen SchülerInnen, welche regelmäßig keine Hausaufgaben machen, „entlarvt“ werden.

Alle SchülerInnnen haben in der App ein eigenes Profil (welches jedoch nur LehrerInnen einsehen können), wo ein Bild und ihr Name gespeichert ist. Diesem “Profil” können die LehrerInnen auch Vermerke hinzufügen, wie “Klassensprecher”, “Stört häufig den Unterricht” oder “Kommt häufig zu spät”, damitdann alle derzeitigen und zukünftigen LehrerInnen direkt Bescheid wissen. Am Anfang jeder Stunde wird die Anwesenheit kontrolliert. Blöd nur, dass jeder standardmäßig auf “Abwesend” steht. Das bedeutet: Vergisst einE LehrerIn die Anwesenheit zu kontrollieren bleibt jeder auf „Abwesend“. Noch blöder: Da ich in meiner Klasse als einziger “Wirtschaftsinformatik” besuche, bin ich von dem Kurs “Wirtschaftsgeographie” befreit. Das sah das “Digitale Tagebuch” jedoch anders und da ich in Wirtschaftsgeographie logischerweise „Abwesend“ war, bekam ich einen automatischen Eintrag. Erst meine Klassenlehrerin bemerkte dann das irgendwas nicht stimmte. Sie wurde vom “Digitalen Tagebuch” informiert, ich würde angeblich sehr häufig fehlen. Jetzt habe ich über 50 Fehlstunden, welche nicht gelöscht werden können.

Über eine “Messenger-App” haben alle SchülerInnen und alle LehrerInnen die Möglichkeit, sich gegenseitig anzuschreiben. Was zuerst ganz gut klingt ist jedoch ziemlich nervig. Denn LehrerInnen wie SchülerInnen sind dadurch ständig erreichbar. So werden LehrerInnen kurz vor Klassenarbeiten nachts mit Nachrichten wie “Welche Themen kommen nochmal dran” bombardiert und schreiben den SchülerInnen umgekehrt gerne mal noch extra Hausaufgaben oder fragen nach, wie es mit einer Hausaufgabe aussieht. Wenn jemand minderjährig ist, wird alles noch unangenehmer: Dann bekommen die Eltern Zugriff auf die Daten. Das bedeutet, sie sehen Fehlzeiten, Verspätungen, ob ihr Kind die Hausaufgaben gemacht hat oder nicht und haben die Möglichkeit, LehrerInnen direkt anzuschreiben. Überwachung 2.0.

Jens, Stuttgart